Fiini Chend: Wenn alles ein bisschen zu viel wird.
- Cornelia Felber-Kunz

- 30. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen.
Die Hitze beschäftig im Moment viele Menschen.
Und doch fällt mir auf: Manche Menschen kommen erstaunlich gut damit zurecht,
wie die Strassenbauer vor unserem Haus aktuell.
Andere wirken, als würde jede zusätzliche Wärme den Körper noch ein wenig mehr fordern. Nicht nur Erwachsene sondern auch Kinder.
Ich erlebe immer wieder Kinder, die in solchen Tagen kaum mehr zur Ruhe finden.
Mal schmerzen die Beine. Dann spannt plötzlich der Nacken. Der Kopf tut weh. Jede Kleinigkeit scheint den Körper zusätzlich zu belasten. Manchmal wird Essen schwierig und Schlafen sowieso. Gleichzeitig liegen Erschöpfung, Wut und eine fast unerträgliche innere Unruhe ganz nah beieinander.

Oft möchten wir Erwachsenen sofort helfen.
Wir schlagen eine Dusche vor. Ein Glas Wasser. Eine Pause. Einen Spaziergang im Wald. Lieblingsessen.
Und manchmal wird genau das abgelehnt.
Nicht, weil das Kind nicht will.
Sondern weil im Moment einfach alles zu viel ist.
Das Kind kann dann vielleicht nicht mal mehr selber entscheiden was es z.B. trinken möchte.
Genau dann berührt mich immer wieder die Frage:
Was braucht dieses Kind gerade wirklich?
Nicht jedes Kind braucht das selbe. Manche brauchen Bewegung.
Andere Rückzug.
Manche möchten gehalten werden.
Andere brauchen zuerst etwas, das ihrem Körper wieder ein Gefühl von Sicherheit gibt.
Ein bisschen Zeit und die Möglichkeit zur Selbstregulation, auch wenn es nicht selber klappt. Haben wir Erwachsenen dabei genügend Geduld? Werden wir dabei an unser eigenes Leisten und Funktionieren erinnert?
Je feiner ein Kind wahrnimmt, desto stärker können Hitze, Geräusche, Stimmungen oder Veränderungen den ganzen Körper beschäftigen.
Eine Spur tiefer
Heute fallen dafür schnell Begriffe wie Hochsensibilität, ADHS oder Autismus.
Diese Begriffe können wertvoll sein. Sie helfen, Erfahrungen einzuordnen, schaffen Verständnis und öffnen manchmal Türen zu wichtiger Unterstützung.
Und trotzdem wünsche ich mir einen etwas weiteren Blick.
Eine Diagnose kann den Weg beleuchten.
Sie soll aber nie den Horizont begrenzen.
Die Diagnose bei Kindern beschreibt einen Moment, aber nie das ganze Leben eines Kindes. Kinder entwickeln sich, sie lernen, sie wachsen, sie machen neue Erfahrungen.
Was früher als Herausforderung galt, ist heute eine Kraft geworden.
Warum Blicken wir nicht stärker auf die Möglichkeiten die ein Kind entwicklen kann, anstelle auf die Herausforderungen. Was ich damit meine. Manchmal wenn ein Kind nur noch über seine Diagnose wahrgenommen wird, besteht die Gefahr, dass wir unbewusst vergessen, wie viel Entwicklung möglich ist.
So unterschiedlich fein Kinder sind, so unterschiedliche sind die ursächlichen Einflüsse.
Vielleicht eine feine Wahrnehmung von Geburt an.
Vielleicht frühe Erfahrungen, die Spuren hinterlassen haben, häufig bereits vorgeburtlich.
Vielleicht fordert der Alltag gerade mehr, als dieses Kind tragen kann.
Vielleicht spielen auch Schlaf, Ernährung oder körperliche Faktoren mit hinein.
Vielleicht spürt es Spannungen im Familiensystem.
All das gehört zum Menschen dazu.
Deshalb schaue ich nicht nur auf einzelne Beschwerden, sondern auf den Menschen als Ganzes.
Ein Perspektivenwechsel
Manchmal frage ich mich:
Wie schnell versuchen wir eigentlich, Kinder an unsere Systeme anzupassen, anstatt das System aus den Augen des Kindes zu betrachten?
Nicht jedes feinfühlige, lebhafte oder verträumte Kind ist falsch oder muss abgeklärt werden.
Vielleicht zeigt es uns etwas.
Vielleicht macht es sichtbar, wo unser Alltag zu schnell geworden ist.
Wo Schule wenig Raum für unterschiedliche Lerntempi lässt.
Wo Leistung manchmal wichtiger wird als Beziehung.
Wo Vergleichen längst überfällig ist.
Wo Kinder lernen sollen, sich anzupassen, obwohl ihr Körper längst signalisiert, dass etwas nicht mehr stimmig ist.
Ich glaube, viele Kinder machen sichtbar, dass unsere Art zu leben nicht für jedes Kind gleich gut passt.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir nicht nur fragen:
“Wie können wir das Kind verändern?”
Sondern auch:
“Was dürfen wir als Erwachsene verändern?”
Vielleicht deshalb berühren mich Kinder so sehr.
Sie versuchen selten, etwas zu verstecken.
Ihr Körper spricht oft ehrlich aus, was mit Worten noch gar nicht gesagt werden kann.
🌿 Seelengarten-Werkzeug
Vielleicht brauchst du heute keine neue Methode.
Sondern einen Moment des Innehaltens.
Bevor wir ein Verhalten bewerten, dürfen wir neugierig werden.
🌿 Was möchte mir dieses Kind gerade zeigen?
🌿 Fühlt es sich sicher?
🌿 Was gibt ihm Halt?
🌿 Passt das Umfeld wirklich zu diesem Kind?
Manchmal beginnt Veränderung nicht dort, wo wir am Kind arbeiten.
Sondern dort, wo wir bereit sind, genauer hinzuschauen.
Zum Mitnehmen



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